In der Wohnung liegt ein Buch über Gustav Vigeland. Ich schlage es auf – und bin sofort gefesselt. Scheinbar war ich gestern zu müde und nicht aufnahmefähig. Ich habe diesen Künstler verkannt. Seine Skulpturen, die mich gestern noch im Park körperlich umgeben haben, treten mir nun schwarz-weiß, still und konzentriert auf dem Papier entgegen. Fast noch eindrucksvoller. Ohne Wind, ohne Möwen, ohne das Gelächter der Parkbesucher. Nur Form, Haltung, Ausdruck.
Vigeland war ein Ausnahmekünstler seiner Zeit. Er hat sich nicht mit kleinen Gesten aufgehalten. Seine Figuren schreien nicht – sie sprechen mit Muskeln, Rücken, Blickrichtungen. Sie zeigen Leben: Geburt, Kampf, Nähe, Alter, Tod. Und das alles in einer Klarheit, die keine Pose kennt.
Ich erkenne nun, was ich gestern im Vorbeigehen gespürt habe: Hier hat jemand den Menschen als Ganzes gezeigt – nicht idealisiert, nicht verschönert, sondern in seiner Wucht und Zartheit zugleich. Ich war gestern so erschlagen von den kräftigen großen Steinfiguren, dass ich die Kraft der Bewegung nicht bewusst wahrgenommen habe. Sollte ich bei besserem Wetter nochmals dort hin?
Dass ein ganzer Park ihm gewidmet ist, erscheint mir nach ein paar Seiten in diesem Buch nicht mehr großspurig – sondern folgerichtig.
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